Nichts ist schlimmer, als das fertige Bild schon im Kopf zu haben, noch bevor Du vor Ort bist. Beim Old Man of Storr und den Felsnadeln drumherum hatte ich die Vorstellung, diese Formation an einem Tag zu fotografieren, an dem Wolkenlücken über die Insel Skye ziehen. Das Foto sollte in dem Moment entstehen, in dem die Storr-Family aus einer Wolkenlücke angebeamt wird.

Also zogen wir los. Und erstaunlicherweise erwischten wir einen Tag mit so einer wechselnden Bewölkung: Regen wechselte sich mit aufgelockerter Wolkendecke a. Dabei bei war es so windig, dass die Wolken schnell zogen. Im Wind war es eiskalt.

Aufstieg zum Old Man of Storr: Bis kurz vor Ankunft sieht man die Felsen nicht.

Dass die Natur nicht planbar ist, habe ich dabei völlig unterschätzt. Es gab Wolkenlücken, die zogen aber allesamt vor dem Höhenzug, zu dem auch der Storr gehört, vorbei. Alle Sonnenflecken bewegten sich an der Küste oder im Flachland vor dem Old man of Storr.

Wenn Du einmal so eine Bildidee im Kopf hast, lässt Du Dich natürlich nicht beirren. Also dachte ich mir: Mehr Zeit erhöht die Wahrscheinlichkeit. Ich blieb stehen und hoffte auf meine passende Wolkenlücke. Ich stand im Schotter an einer Schräge, in eiskaltem Wind, bewegungslos.

Nach 20 Minuten Stillstehen stellten sich erste Zweifel ein. Und Unaufmerksamkeit: Ich verpasste einen Sonnenbeam, der genau auf den Old Man of Storr fiel, weil ich Kamera einen kurzen Moment lang nicht im Anschlag hatte. Mist! Weitere 20 Minuten ohne Wolkenlücke folgten. Nach einer Dreiviertelstunde gab ich enttäuscht auf. Ich schrieb das Motiv ab und wir gingen weiter auf der Wanderung, hatten einen schönen und windigen Tag auf dem Storr-Basaltbergmassiv.

Über die Hochebene der Halbinsel Trotternish, der Old Man of Storr liegt hinter uns.

Auf dem Rückweg kamen wir beim Abstieg erneut am Old Man vorbei. Und dann geschah es: Der Himmel riss kurz auf und ein Lichtbeam bewegte sich auf den Old Man of Storr zu. Ich schnappte mir die Kamera und rannte zu der Stelle, die ich mir auf dem Hinweg ausgesucht hatte und drückte ab. Dass mir die Wanderin mit dem Stock genau in diesem Moment an der perfekten Stelle ins Bild lief… war reiner Zufall.

Eine weitere Chance mit aufgerissenem Himmel gab es danach nicht mehr. Das war aber auch nicht nötig, denn ich hatte mein Bild.

Das Bild machte verschiedene Evolutionsstufen durch. Zunächst entwickelte ich es sehr kontrast- und farbenreich. Ich machte den Himmel zur Drama-Queen. Wochen später stellte ich fest, dass es mir so nicht gefällt. In der nächsten Evolutionsstufe setzte ich die Sonne dazu. Vielleicht auch aus dem Drang, die Sonnenlückengeschichte vor Ort im Bild zu erzählen. Doch auch diese Version verwarf ich. Erst vor kurzem nahm ich mir das Bild erneut vor. Ich entsättigte es, insbesondere das Blau des Meeres nahm ich zurück. Das Drama wurde aus dem Himmel wieder entfernt. Ich erweiterte die obere und untere Bildkante in Photoshop und zerrte das Motiv in ein minimal höheres Seitenverhältnis. So gefiel es mir nun. Die Farb- und Kontraststimmung gab nun endlich den Moment vor Ort wieder: Windig, schottisch, schön.

Wichtig für dieses Bild war der Standort. Ich nutzte nicht das links gelegene Plateau, auf dem man sich recht komfortabel mit Stativ platzieren und abdrücken kann, den Storr jedoch sehr frontal fotografiert. Ich machte das Bild von der Geröllschräge rechts aus und legte mich auf dem rutschigen Boden einige Male beinahe auf die Nase. Auf diese Weise hatte ich Diagonalen im Bild, die zum Old Man of Storr hinführten.

Der vorher/nachher-Slider zeigt ganz schön den Weg vom Foto zum fertigen Bild:

 

Kamera: Canon EOS 5D Mark III
Objektiv: EF 17-40mm f/4 L
Kameraeinstellung: 1/640 Sek., ISO 200, manueller Modus
Objektiveinstellungen: 29 mm bei Blende 7,1
Software: Lightroom CC, Photoshop CC